40 Jahre Schlaraffia IM VEST (Fexung des Rt. Unser Großfürst Oybinus)

Schlaraffen hört:
Ich will Euch von unseren Uranfängen berichten: Schon bald nach dem Ende des unseligen zweiten Weltkrieges wurde von Theaterleuten unter Leitung des Oberspielleiters, Herrn Schenkel, versucht hier ein Schlaraffenreych zu gründen. Es gelang nicht, so blieb Gelsenkirchen - als einzige deutsche Stadt dieser Größenordnung „UHUFINSTER".
1966 wurde es höchste Zeit, das sich dies änderte. Rt. Foydal seinerzeit Sasse der h. Möllmia in seinem Protokoll:
„Am 30.06.a.U. 107 lud der edle Rt. Oybinus des h. Reyches Bochumensis einige Recken nahegelegener Reyche in seine Heimburg ein. Die Einladung nahmen an:
Rt. Archi-Bahr Truymannia, Rt. Foydal Möllmia, Rt. Hämmerlein Ratisbona/Bochumensis,
Rt. Schälkle Fryburgia und der wackere Kn. 130 Bochumensis, nunmehr Rt. Brasiloff. Er ist also auch ein Recke der allerersten Stunde bzw. der Stunde 0. Es wurden schnelle und einstimmige Beschlüsse gefaßt:
So soll nach Willen der genannten Recken im noch uhufinsteren Gelsenkirchen ein Stammtisch gegründet werden.
Zum Treffpunkt wurde der Uhlenkrug in GE-Buer bestimmt. Rt. Hämmerlein schrieb ins Gästebuch:
Nach langem Planen, heute das erste zaghafte Beginnen. Möge diesem Beginn viel Erfolg und Glück für die Zukunft beschrieben sein".
Die Stammtischzeit war leider teilweise enttäuschend - oft saßen wir nur zu zweit oder zu dritt und schauten erwartungsvoll zur Tür sobald sich diese bewegte. Es war nicht einfach Interessenten zu finden - wir konnten ja noch nichts vorweisen. Unsere Bekannten waren zumeist durch Lions oder Rotari, ect. blockiert. Aber einige Lichtblicke folgten: Der Rt. Platto aus der h. Ulma, der Rt. Klabautermann aus Borken und
Rt. Argustus Truymannia, sowie der Rt. Faghi - Noculus erweiterten den kleinen Kreis fanatischer Gründungswilliger.
Zur ersten Feldlagersippung am 07.Lenzmond 109 waren wir überglücklich, denn wir konnten ein Klavizymbel enthüllen und
einweihen. Mit dem Gesang: „Wir-wir-wir haben ein Klavier" begann die fröhliche Zusammenkunft bei der wir bereits
7 Ritter, 1 Junker und die Prüflinge Röring (Tegtmeier), Rust (Granbambuli) Dr. Wittner (Pill-Lu-Lu) v. Szallay (Dorka), sowie 15 Gastrecken aus Nachbarreychen und 3 Pilger begrüßen konnten.
Parallel zu unserem Feldlager gründeten wir den SpanferkelOrden um auf diesem Wege weitere Freunde zu gewinnen. Nach dem Motto: „Interesse geht durch den Magen"!
So konnten wir bald die Herren Kovacs (Blasikus), Dr. v. Szalay (Don Sillex), Keller (Farad), Horvat (Gold-Maßing) und Krebs (Strich-Flotti) zum Feldlager zählen.
Wir sippten streng nach Spiegel und Ceremoniale unter den strengen Augen der Mutter Bochumensis, wobei besonders der edle Rt. Pressario uns stets hilfreich zur Seite stand. Oft mußten wir improvisieren. Z.B. führten wir blutige Duelle - mangels Schwerter - mit den Mezger-Schlachtmessern des Gastwirtes aus.
Aus den Generalsynoden des Ordens vom Spanferkel wurden später jährliche Spanferkelatzungen und zwar mit Burgfrauen um die Bande von Haus zu Haus zu festigen. Auch die von
Rt. Sör Rallye organisierten Brukterer-Rallyes bereiteten uns viel Freude und erweiterten die heimatkundlichen Kenntnisse. Nicht zuletzt - wie auch bei den Gartenfesten des Rt. Oybinus dienten diese dazu die Burgfrauen für unser Spiel zu begeistern.
Schon bald waren Rt. Hämmerlein und ich auf der Suche nach einer eigenen Burg. Ich glaube es gibt keine Ausflugsgaststätte, kein Herrenhaus oder ähnlichem Gemäuer im näheren Umkreis, welches wir nicht besucht haben. Sie waren entweder besetzt durch Kegelclubs, Pferdefreunde oder zu teuer, wie z.B. Schloß Berge.
Mit der Verwaltung des Besitzers von Schloß Horst, dem Baron von Fürstenberg, konnten wir verhandeln und im Oktober 1975 (a.U. 115) einen Vertrag unterzeichnen.
Der Vertrag erlaubte uns die unentgeltliche Nutzung einiger oberer Räume, wenn wir diese entrümpeln und vorrichten. Ihr könnt Euch sicher nicht vorstellen wie es hier aussah - es war eine ehemalige Flüchtlingsunterkunft, wobei das Wort Unterkunft sehr freundlich gewählt ist. Aber wir konnten uns eine urige Burg durch Gemeinschaftsarbeit schaffen.
Rt. Platto kam mit einem Industriestaubsauger um den gröbsten Dreck wegzusaugen, nachdem vorher rührige Hände das Gerümpel entfernt hatten, durch freiwillige Feierabendkommandos. Rt. Argustus besorgte eine Arbeitskolonne, die die Wände tünchten.
Rt. Sör Rally und sein profarner Bruder reparierte die Lichtleitungen und hieften die Wagenräder hoch, die als Leuchter dienten. Rt. Strich Flotti sorgte später für die künstlerische Ausmalung.
Später trafen sich in einem unteren Raum, dem früheren Hexenkeller, unsere liebenswerten Burgfrauen. Den Namen Hexenkeller wollten wir abschaffen, den unsere Burgfrauen waren alles andere als Hexen, sondern nette Damen, die geduldig warteten bis wir Recken herunterkamen. Immer schlossen sich lustige Krystalinen an und viele Burgfrauen waren bereit die heiteren Recken heimzufahren.
Groß war der Jubel, als endlich - nach fünf schwierigen Jahren nämlich am 18.03.112 die Coloniegründung celebriert wurde und zwar im Rittersaal hier in diesem Schloß. In der WAZ war zu lesen: Ritter gründen Colonie Im Vest. Auch Polizeipräsident Conrad ist ein UHU, nämlich der Rt. Argus-tus.
Unter den Fittichen des weisen Uhu und mit Hilfe des Mutter-reyches Bochumensis und der Ziehmutter Over-uhu-sia ent-wickelte sich die junge Colonie so fürtrefflich, daß der Allschlaraffenrat am 1.9. a.U. 114 die Sanktionsbulle ausfertigen konnte. Diese nennte als Gründungsritter Brasiloff, Faghi-Noculus, Hämmerlein, Oybinus des Reyches Bochumensis sowie Argus-tus (Truymannia), Klabautermann (Aula Regia) und Platto (Ulma).
Wieder sah das Schloß am 16.03. a.U. 115 ein glanzvolles Fest. Die Geburtsstunde des Reyches Im Vest, gekrönt durch die Teilnahme des gesamten Deutschen Schlaraffenrates.
Leider hat es OHO nicht zugelassen, daß mein Freund und Mitgründer der Rt. Hämmerlein mir heute zur Seite steht. Es wäre bestimmt für ihn ein weiterer Höhepunkt seines schlaraffischen Lebens gewesen.
29. im Lenzmond 142 (29.03.2001)

LULU Rt. Oybinus

Presse WAZ

Männerbund
Ritter mit Geist und Humor
21.05.2013

Gelsenkirchen.
Erwachsene Männer treffen sich wöchentlich zur vergnüglichen Persiflage auf das Rittertum. Schlaraffia "Im Vest 373“ residiert im Horster Schloss „Uhlenhorst im Emscherbruch“.
Mit einem Köfferchen als Handgepäck betreten sie das Horster Schloss. Wenn sie es öffnen, offenbart sich ihnen eine andere Welt. Dann wird aus Frank Mackschin, dem ehemaligen Chef der Volkshochschule, „Ritter Curriculus, der Logo-Rhythmische.“ Dann taucht auch er neben anderen Männern in die Welt der Ritter ein, legt seine Rüstung an, setzt den Helm auf. Man könnte annehmen, die bunt dekorierte Gesellschaft wünschte sich das Mittelalter auch im 21. Jahrhundert zurück. Doch mit ihrem rot-goldenen, ordenverzierten Stoff-Umhang als Rüstung und der Mütze als Helm offenbaren die verspielten Herren schnell, dass sie sich zur vergnüglichen Persiflage auf das Rittertum zu ihrer „Sippung“ versammeln. Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Kaufleute mischen mit beim Spiel.
Wer im Reych der schlaraffischen Fantasiewelt zu Hause ist, der traktiert sich nicht mit Lanzen, sondern misst sich wortreich mit Waffen aus Geist, Kunst und Humor. Als Pilger durfte ich das ritterliche Spektakel im „Uhlenhorst im Emscherbruch“ miterleben. Mit einem „LuLu“ begrüßen sich die Knappen, Junker und Ritter. Das Reych erhebt sich unter dem Jubel der Sassen, den Schlaraffen im Reych. Auf dem Thron haben die Oberschlaraffen Ritter Thalassicus, Ritter Ischbinda und Ritter Curriculus Platz genommen. In arte voluptas – in der Kunst liegt das Vergnügen – lautet der Leitsatz. Ohne Oberschlaraffen läuft nichts. Ihre Funktion könnte man parlamentarisch mit der des Bundestagspräsidenten vergleichen. Wenngleich der nicht das Privileg genießt, mit „Euer Herrlichkeit“ angesprochen zu werden und gleichzeitig unfehlbar zu sein. Links platzieren sich die eingeryttenen Gäste, daneben die Knappen, rechts die Ritter. Auch Ritter Urbano, einst als Heinz-Dieter Albert Bezirksvorsteher West, genießt den ritterlichen Spielablauf. So ist ein Dreikampf bei den wöchentlichen Ritterspielen das Gegenteil martialischer Machtkämpfe. Er soll ein Beispiel für den Feingeist des Ritters und seine musische Begabung sein. Ein Sasse rezitiert mit Humor einen berühmten Dichter, trägt eigene Verse vor oder singt Kompositionen zum Klavier. Heute gibt Ehrenritter „Barastro“ aus Münster in Anspielung auf Mozarts Zauberflöten-Figur Sarastro mit kräftigem Bass einen Einblick in die Berliner Chansonwelt der 20er-Jahre. Schwerter-Spalier für die Gäste.
Weitere edle Ritter sind aus befreundeten Reychen eingerytten. Die Gastgeber aus dem Vest begrüßen die auswärtigen Gäste, bilden mit ihren hölzernen Schwertern ein Spalier. Dass Ritter „Cellini“ aus Berlin eine perfekte Streicheinlage auf dem Cello liefern würde, war vorauszusehen. Das konnte man von Ritter „Denticello“ aus Duisburg, der als Zahnarzt praktiziert und ebenfalls zum Cello griff, weniger erwarten. Ehrenritter Ludens aus Duisburg stimmt die Gesellschaft am Klavicimbel auf Schumann ein. Er erntet ein dreifaches Lu Lu und begeisterndes Tischeklopfen. Doch singen können sie wohl alle. Unerschöpflich scheint das schlaraffische Liedgut zu sein. In ritterlicher Eintracht wird geschmettert.
Beim Alkohol ist Zurückhaltung angesagt. Zwischendurch genehmigen sich die Sassen mal ein Likörchen, in heimischen Schlaraffenkreisen eher als vestische Bohnensuppe bekannt. Einen Wettstreit an kleinen Nickeligkeiten liefern sich die Sassen auch gerne. Ein Ritter wendet sich an „Seine Herrlichkeit“, um die mangelnde Beredsamkeit und den langsamen Geist des Junkermeisters anzuprangern. Wenig galant fordert ein anderer nach einem Gastvortrag dazu auf, doch Geld für Gesangsunterricht zu sammeln. Natürlich geht es friedlich und harmonisch zu Ende. Der Raum verdunkelt sich, der Junkermeister taucht als Nachtwächter mit der Laterne auf. „Ich leuchte euch heim, die Burgfrauen warten. Als Ur-Schlaraffen gelten die Zeitgenossen, die 1859 in Prag Schlaraffia gründeten, in der Absicht, der Obrigkeit mit Humor und Widerspenstigkeit zu begegnen. Und da ein ausgestopfter Uhu bei der Gründung anwesend war, gilt er heute noch als das Wappentier. Über 10.000 Mitglieder messen sich im weltweiten „Uhuversum“ allwöchentlich beim Ritterspiel mit geistigem Einsatz. In ihrem Schlaraffenlatein taucht der Vogel bei jeder Gründung eines neuen Reychs auf. So sind die Vest-Schlaraffen im 20. im Lenzmond (März) a. U. (anno Uhui) 112 entstanden, 112 Jahre nach den Prager Urvätern. In Gelsenkirchen residiert der Männerbund „Schlaraffia im Vest 373“ einmal in der Woche vor historischer Kulisse im Schloss Horst, dem Domizil „Uhlenhorst im Emscherbruch“. Zur ritterlichen Sippung treffen sich die Schlaraffen einmal wöchentlich nur in der Winterung zwischen Oktober und April. Die Abende gestalten die Sassen, die Mitglieder in der Runde, selbst. Religiöse oder politische Themen sind dabei tabu. In der Sommerung stoßen bei gemeinsamen Ausflügen und Veranstaltungen auch die Burgfrauen dazu. Ein Schlaraffenland des Geistes Schlaraffia sehen die Gründer als Schlaraffenland des Geistes. Zu den Tugenden zählen Humor, Kunstinteresse, sich freuen und zuhören, freundschaftliche Gefühle gegenüber Mitspielern entwickeln zu können. Das Ritterspiel persifliert den Umgang mit der Obrigkeit und der Gesellschaft. In der Schlaraffia sind Knappen noch unter Nummern geführt, erst Ritter dürfen sich, oft in Anlehnung an ihre berufliche Tätigkeit, einen Namen geben. Wie Ça va, der Wechsel-Optiker (Fotograf), Pinzetto, der Kunst-Tupfer (Chirurg) oder Taxfrei, der vestische Spökenkieker (Zollbeamter). In dem Pseudo-Ritterspiel haben Frauen in Anlehnung an die mittelalterliche Praxis keinen Platz. Einmal findet in der Winterung eine Sippung mit Frauenbeteiligung statt. Als Ehrenschlaraffe ist Hermann Hesse als „Magister Ludi“ im Reych Vest 373 aufgenommen.


Info: Frank Mackschin 02365/207361